zu Hause

Meine Reise ist zu Ende.

Ich bin sehr dankbar für diese Tage an denen ich so viel erfahren habe. Ich danke meinen unglaublich freundlichen Gastgeber*innen und ganz besonders meinem wunderbaren Begleiter und Übersetzer Nour.

Ich wünsche Syrien vor allem Frieden, Gerechtigkeit und einen gelingenden Wiederaufbau.

Einige Beiträge sind noch in meinem Kopf, die ich als Nachlese hier posten will.

 

Sbeneh II

Die Straßen sind häufig eng und unbefestigt, die Häuser selten verputzt. Das ist nicht Geschmacksache, sondern Folge unglaublich schwieriger Lebensbedingungen.

Trinkwasser wird durch solche Fahrzeuge mit beachtlicher Abgaswolke geliefert.

Wasserlieferung in Sbenehs Gassen

Brauchwasser zum Waschen und für die Toilette gibt es oft, sonst wir auch das angeliefert.

Gasse im palästinensischen Teil von Sbeneh.

Wie das in den noch viel engeren Gassen des plästinensischen Teils von Sbeneh funktioniert, habe ich nicht erfahren.

spielende Kinder auf einer Straße in Sbeneh

Für Assad waren die Bewohner von Sbeneh Terroristen. Nours Vater Hassan war in eine Polizeikontrolle geraten und allein der Umstand, dass er aus Sbeneh war, hat ihm drei Monate Haft eingebracht. Nach dieser Zeit des Lebens unter menschenunwürdigsten Bedingungen, war er sehr lange krank.

Viele Häuser auch in Sbeneh sind stark beschädigt oder zerstört, ganz oder teilweise ausgebrannt. Assads Soldaten hatte bei einer Militäraktion die Häuser, in denen gerade niemand zu Hause war, in Brand gesteckt. Später folgten dann sytematische Plünderungen durch Soldaten, die Stadt war für seine Bewohner über Jahre gesperrt, erzählt Nour. Sein Bruder Diaa war zunächst allein zurückgeblieben, als die Familie nach Dscharamana geflohen war. Er hatte es geschafft, die gesammte zurückgelassene Wohnungseinrichtung in einem Zimmer zu verstecken und eine schwere Schrankwand vor die Tür zu schieben, so dass das Eigentum der Familie nicht entdeckt wurde und erhalten blieb.

Verkehr

Es gab einmal einen funktionierenden Schienenverkehr mit Verbindungen in einge Nachbarländer.

alter osmanischer Bahnhof

Der alte osmanische Bahnhof Damaskus-Kanawat ist längst nicht mehr in Betrieb, aber auch der neue Haupfbahnhof ist, auch das eine Kriegsfolge, inzwischen verwaist.

Service-Kleinbus

Das Hauptverkehrsmittel, jedenfalls in der Metropolregion Damaskus sind heute die Kleinbusse, die hier „Service“ genannt werden.

Service-Busse in Damaskus

Davon gibt es viele und auch so etwas wie Busbahnhöfe. Auf den Strecken, die wir gefahren sind, haben wir immer 4000 Syrisch Lira bezahlt, was ungefähr 40 Cent sind. Es passen erstaunlich viele Fahrgäste hinein, ich hab 14 gezählt in so einem Kleinbus, in dem oft extra Klappsitze eingebaut sind.

Bus

Manchmal haben sie auch ein etwas größeres Format.

Stadtbus in Damaskus

Und dann gibt es im Stadtzentrum von Damaskus noch einige wenige große Linienbusse.

Service-Fahrer am Lenkrad.

Die Fahrer beherrschen den Tanz des ortstypischen Straßenverkehrs meist ausgezeichnet, sind wahre Künstler. Einer erzählte uns, er hätte Angst davor, dass irgendwann ein großes Busunternehmen kommt und den Nahverkehr übernimmt. Dann müsse er aufgeben und würde zu Hause sitzen. Nour sagt, solange die Straßen so sind, wie sie sind, wird sich das wohl kein Unternehmen zumuten. Ich denke, dann wid unser Fahrer es noch locker bis zum Ruhestand schaffen.

Jarmuk II

­Es scheint nicht alles Leben aus dieser Stadt gewichen zu sein, oder sind die wenigen Menschen die hier auf der Straße zu sehen sind zurückgekehrt? Doch wie kann hier jemand leben, zwichen all den Ruinen?

Laden in Jarmuk?

Ist dieser in einem schwer beschädigtem Haus geöffnete Laden Ausdruck der Hoffnung oder der Verzweiflung?

Ich denke immer wieder an den verschwundenen Diaa. War er zum Schluß ein Kämpfer in diesen Straßenschluchten? Viele waren letztlich dazu gezwungen, um zu überleben. Sonst gab es kaum noch eine Möglichkeit den Lebensunterhalt irgendwie zu sichern. Andere mussten sich mit Waffengewalt gegen den IS zur Wehr setzen, um nicht ermordet zu werden. Seine Familie wird darüber wohl nichts mehr erfahren, da alle, die ihnen berichten könnten, ebenfalls verschunden, vermutlich tot sind.

Lakatia II

Die syrische Regierung hat gestern, am Sonntag, erneut angekündigt, die Massaker aufzuklären und die Täter zur Verantwortung zu ziehen.

Das wäre nicht nur notwendig, sondern ist eine Voraussetzung für eine gemeinsame Zukunft in diesem Land.

Zu der Demo und der Gewalt der Gegendemonstranten habe ich ein Video das ich gestern aufgenommen habe hier verlinkt:

https://1drv.ms/v/s!AjTe0hWfLdKLg9Vm-2MMjj880JJ5TA

 

Latakia

Aus dieser Region habe ich natürlich keine eigenen Bilder, weil ich dort nicht war und nicht hätte hin können.

Aber es war am Samstag in vielen Gesprächen Thema. Mir gegenüber wurde sich, als die Zahl der getöteten Zivilisten noch kleiner zu sein schien, so geäußert: Gut das es vorbei ist. Schlimm wenn Unschuldige ums Leben kommen. Gut das die Regierung dies nicht leugnet und gegen diese Tötungen vorgehen will. Der Hass durch die selbst erlebte Gewalt sei manchmal schwer unter Kontrolle zu bringen, wenngleich nicht akzeptabel.

Die ähnlich lautenden Erklärungen der Regierung lassen mit steigenden Opferzahlen bei mir immer mehr Fragen entstehn.

Demo in Damaskus

Heute habe ich eine Demonstration von mehrheitlich wohl Alewiten miterlebt. Im Stadtzentum standen sie sehr friedlich mit fast durchgehend handgeschriebenen Forderungen beieinander.

Von dieser Gruppe ging keinerlei Aggression und, sowei ich es beobachten konnte, keinerlei Provokation aus.

Nach kurzer Zeit formierte sich eine zunächst kleine, jedoch anwachsende Gruppe, die aggressiv in Ton und Körpersprache lautstark wiederkehrende Parolen skandierte.

Diese Gruppe von vielleich zwei Dutzend Männern, die unter anderem „Allahu akbar“ schrien, griffen dann die Demonstranten an, die teilweise flùchteten.

Sicherheitskräfte schossen mit Pistolen und Kalaschnikows in die Luft, um den Angriff zu unterbinden. Der Schlägertrupp formierte sich nach kurzer Zeit neu und griff erneut an. In dem Chaos ertönten erneut Salven von Sturmgewehren.

Ich befürchte, wenn dieses Land es nicht schafft, schnell und nachhaltig zu begegnen, wird die historische Chance für ein freies Syrien vertan. Und das wäre wirklich bitter.

 

Jarmuk

Ich wünsche mir manchmal, dass die Dinge einfacher wären, so simpel, dass auch ich sie verstehe.

Ruinen in Jarmuk

Meine Beklommenheit wird vielleicht dadurch verstärkt, dass Nours Bruder Diaa hier zuletzt gesehen wurde. Aber diese fast totale Verwüstung allein schon läßt den Atem stocken.

Jarmuk war ursprünglich ein palästinensisches Flüchtlingslager von der Größe einer Großstadt. Längst lebten aber auch Tausemde Syrer hier. Die Reste von weggesprengten Bürgersteigen und die übriggebliebenen̈ Fassade lassen erahnen, wie in Ordnung hier einmal alles war. Wir stehen auf der Jarmukstraße, einer der Hauptstraßen und Nour erzählt, dass man gern hierher kam, auch wenn man gar nichts einkaufen, sondern nur flanieren wollte.

Es gab auch ein gut funktionierendes Krankenhaus.

Dann griet alles aus den Fugen. Es gab Beschuss von allen Seiten, Aushungern durch Blockade, es gab IS und Fassbomben auf das Wohngebiet, es gab ermordete Zivilisten, getötete Kämpfer und unendlich viel Leid. Der UN-Generalsekretär beschrieb es als Hölle und es blieben Trümmer, Verletzungen und die Trauer derer, die ihre Angehörigen oder Freunde verloren. Nours Familie hatte noch eine kleine Hoffnung, nach Öffnung der Gefängnisse Diaa wiederzusehen oder wenigstens eine Spur zu finden. Diese Wünsche haben sich nicht erfüllt.

 

Nachrichten des Tages

In  der Provinz Latakia am Mittelmeer hat es die schwersten Kämpfe nach dem Sturz Assads gegeben, nachdem Assad-Soldaten Einheiten der jetzigen Regierung angegriffen hatten.

Altstadt von Damaskus

Damaskus ist eine der ältesten durchgehend bewohnten Städte der Welt.

Suq al-Hamidiya

Einer der spannensten Orte auf meiner ersten Entdeckungstour war der riesige Al-Hamidiya-Markt. Er erscheint mir sls lange überdachte Straße, von der auch Seitenstraßen abgehen. Er ist laut und bunt und sehr lebendig. Auch er hat sich in den letzten Monaten gewandelt. Das Angebot ist vielfältiger und manches erschwinglicher, was wohl auch an den geöffneten Grenzen liegt.

Süßigkeiten Stand auf dem Suc Al-Hamidiya

Ein alter Mann der viele Sprachen zu sprechrn meint, entführt uns über eine steile Treppe in seinen kleinen verstaubten Antiqitätenladen im Obergeschoss in dem sich Blechgeschirr stapelt, Kleider vor sich hin dämmern und Messer ganz ungefàhrlich von großen Taten tràumen.

Ruine Jupiter-Tempel

Am Ende des Marktes stehen Reste des römischen Jupiter-Tempels. Das war aber schon der zweite Tempel na diesem Ort. Der dritte war die frühbyzantinische Johannesbasilika. Und diese ist heute die beeindruckende Umayyaden-Moschee.

Und plötzlich sind wir wieder in der Tagespolitik. Die syrische Normalbevölkerung konnte diese Moschee über viele Jahre nicht nutzen, weil die Assad-Regierung sie ausgespert hat. Nun steht sie offen und ich stelle mir das als sehr emotional vor. Sie ist gut besucht. Der nagelneue uns sehr schöne Teppich, hundrrte Quadratmeter, ist eine Spende aus der Türkei. Erdogans Sohn war bei der Übergabe zugegen.

 

Sicherheitskräfte

Ein weißer Pickup voll beladen mit schwerbewaffneten und teilweise vermummten Kämpfern – ein Bild das triggert. Wir denken uns gern noch eine IS-Fahne dazu und haben dann ein fertiges Bild.

Ich habe die aktuell agierenden Sicherheitskräfte erlebt und mir von Begegnungen erzählen lassen.

Um zu verstehen, worum es geht, müssen wir einige Jahre zurück blicken. Mir haben Hassan, Ijad und Khaled einiges erklären können.

Assads Soldaten hatten in den letzten Jahren kaum noch Sold bekommen und waren aufgefordert, sie das notwendige von der Bevölkerung zu erpressen oder zu rauben. Das hat den letzten Rückhalt in der Bevölkerung zerstört. Die Polizisten waren ebenfalls angehalten, selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Unter dieser Korruption auf offener Straße hatten viele zu leiden.

Die aktuelle Regierung hat einen anderen Plan. Die Sicherheitskräfte werden anständig bezahlt und gleichzeitig wird Korrution vehement bekämpft. „Nichtmal einen Keks dürfen die nehmen“ höre ich.

Die Jungs bewachen den stillgelegten Hauptbahnhof in Damaskus damit  nichts geklaut wird. Vorher war er wohl einer der Idlib-Kämpfer.

Ich habe heute Nacht aber in den Städten auch zwei Checkpoints selbst erlebt. Ich habe diesbezüglich in einigen Ländern Erfahrungen sammeln können und bin in der Lage zu vergleichen. So freundliche Männer mit schussbereiten Maschinenpistolen habe ich noch nirgends erlebt. Dabei haben sie ihren Job sehr gewissenhaft aber zügig erledigt, lächelnd gefragt, mit der Taschenlampe uns in die Gesichter geleuchtet und wir durften weiter fahren. Kein Macho-Gehabe, keine unnötige Machtdemonstration, hier auch keine vermummten Gesichter. Ich habe unseren Fahrer Ijad hinterher gefragt, ob das immer so ist. Ja, zuverlässig, meint er. Er arbeitet auch als Taxifahrer und kennt die Situation ganz gut und erzählt, wenn die mal mit ihrem Fahrzeug einen Schaden verursachen, dann wir das umstandslos geregelt, die Reparatur bezahlt.

Die bewaffneten Sicherheitskräfte am Ortseingang von Dscharamana waren übrigens Drusen. Was vor dem Hintergrund der Presseberichte der letzten Woche ganz interessant ist.

Den Pickup habe ich kurz vor der Syrischen Nationalbank fotografiert, als er einen großen Geldtransport bewachte. Die gehören also nicht allgegenwärtig zum Straßenbild, wie ich bereits erwähnte. Nach einbruch der Dunkelheit allerdings ist die Innenstadt gut bewacht, jede große Kreuzung durch Schicherheitskräfte mit Kalaschnikows besetzt. Im Zweifelsfall fragen die aber eher, ob sie helfen können, wir mir erzählt.

Ich wünsche dem Land, dass die Regierung ihren Plan nicht irgendwann vergisst und dass er aufgeht.

Sbeneh

Dieser Ort ist zum großen Teil eine Siedlung von Geflüchteten. Zuerst war hier ein Camp für palästinensische Geflüchtete, das im Wesentlichen aus Zelten bestand.

Inswischen gibt es ein von der UN unterstützte Schule für palästinensische Kinder, an die auch Nours Neffe Walid geht.

Später kamen dann die Syrer, die aus Golan flohen oder vertrieben wurden. 2004 lebten hier 62.000 Menschen.

Nours Opa hatte seine Schafherde 1967 verkauft und war dann nach Dscharamana, einem Vorort von Damaskus gegangen. Als er dort wieder anfing Schafe zu halten, störten die Nachbarn sich am Geruch. So ist er nach Sbeneh gekommen, hat ein Grundstück gekauft und dann illegal ein Haus gebaut. Hier konnte er auf einem Grundstück, das ihm nicht gehörte die Schafe weiden lassen. Nahezu das ganze Viertel ist auf ähnliche Weise entstanden.

Hier ist Nour aufgewachsen und nun nach über zehn Jahren zum ersten mal wieder hier.

Vom Flughafen wurde er von fast der ganzen Familie abgeholt. Es fehlter sein ältester Bruder, von dem niemand weiß, wo er ist. Seine Spur verliert sich in Jarmuk.

Aufbruch

„Der erste Ramadan ohne Assad!“ sagt der Bäcker, bei dem Nour vor dem Krieg schon eingekauft hat, und strahlt mich an.

Und Nours Vater erklärt mir, die Welt solle diesem geschundenen Land eine Chance geben. Europa und Amerika müssen unterstützen, damit ein Wiederaufbau gelingen kann. Und sie sollen die Assad-Propaganda, dass in Idlib alle Islamisten sind, vergessen. Assad hätte den Widerstand dort diffamiert, um jede internationale Unterstützung zu unterbinden.

Ich habe in Damaskus deutlich weniger Bewaffnete gesehen, als erwartet und viel viel weniger, als in Halle zum Karneval.

 

 

 

Ich habe den Mann, dessen Augen mich zweifeln ließen, ob er schon 20 ist, freundlich gefragt, ob ich ihn fotografieren dürfe und eine freundliche Antwort bekommen. Martialisch war nur die Ausrüstung. Die Nachrichten hier sagen, in Damaskus sollen 50.000 Bäume gepflanzt werden. Das ist jedenfalls eine gute Idee für die Zukunft.

Dr. Abdallah Al-Nmeri

Er war Arzt in Sbeneh und kümmerte sich wenn es nötig war auch nachts um die Menschen im Ort. Auch auf der Straße konnte man ihn ansprechen, um Rat bitten. Weil er hier auch Verwundete behandelte, hat das Assat-Regime umgebracht und sein Haus zerstört.

Auch seine Frau wurde ermordet.

Wunden

Auf dem Weg vom Flughafen nach Sbeneh, fahren wir an endlosen Trümmerfeldern entlang. Ich hörte vom Krieg Assads gegen sein Volk und von Kämpfen in den Städten. Doch nun macht mich das Ausmaß der Zerstöhrung fassungslos. Was für ein Elend. Wie naiv wir manchmal sind, uninformiert. Oder ist das schon Ignoranz?

Die Wunden der Menschen sind nicht so offensichtlich, man kann sie manchmal in Gesprächen erahnen.

Ankunft

Passagiere vor dem Flughafen

Das Flughafengebäude blieb offenbar von Kriegsschàden weitgehend verschont.

Vieles andere wurde teilweise durch die Türkei repariert. Wir sind jedenfalls gut gelandet, sind sehr gespannt auf dieses Land in rasanter Veränderung.

Syrienreise

Anzeigetafel auf dem Flughafen in Istanbul.

Unser zweiter Flug wird uns an Ziel bringen. Wir sind etwas übernächtigt, weil wir auf dem Flughafen von Istanbul, wo wir uns die gesamte Nacht rumgedrückt haben, kaum schlafen konnten. Wir sind aber sehr dabei, etwas aufgeregt.